Auf der Suche nach Sinn

04.09.2010 08:41 von Sebastian Lau (Kommentare: 0)

Ein kritischer Beitrag zur aktuellen Schamanismus-Euphorie

Auf der Suche nach Sinn – Schamanismus als alte neue Antwort?

Es gibt eine Ordnung im Universum. Manche nennen sie Gott, andere Natur, wieder andere Evolution, viele Namen trägt sie. Sie kann auf rationaler Erkenntnis fußen oder im Glauben wurzeln, wissenschaftliche ebenso wie spirituelle oder religiöse Grundlagen bergen. Diese Ordnung ist allgegenwärtig, unendlich, zeitlos.

Ebenso gibt es eine Ordnung in jedem Augenblick unseres Daseins. Alles macht Sinn, alles hat Sinn, alles ist sinnvoll. Auch diese Ordnung hat viele Namen. Lebensaufgabe, Lust, Familie, Freundschaft, Erkenntnis, Weisheit, Werte.

Jeder Mensch sucht nach Ordnung – nach der allumfassenden Ordnung des Kosmos ebenso wie nach dem Sinn eines jeden Moments des eigenen Lebens. Manche sind Suchende aus Leidenschaft oder Fragende mit Freude am Rätselhaften. Viele sind sich ihrer Suche jedoch nicht bewusst. Das führt dazu, dass alles, was ihnen als sinnlos oder chaotisch erscheint, in ihnen Gefühle verursacht, die kraftraubend sind und zum Verlust von Selbstbestimmung und Lebensfreude führen.

Menschen dagegen, die eine Ahnung von der Ordnung des Kosmos erfahren haben und sich dieser Erfahrung auch bewusst sind, vermögen Antworten auf die Frage nach dem Sinn jedes Augenblicks und dem tieferen Sinn ihres begrenzten Lebens zu finden. Diese Erkenntnis vom Sinn des Daseins führt zu einer tief empfundenen Verbundenheit mit dem Leben an sich, sie hilft das eigene Tun und Sein als schön, lustvoll, reich und beglückend zu genießen, einschließlich der eigenen Vergänglichkeit.

In letzter Konsequenz ist somit das Suchen und Finden vom Sinn des Lebens gleichzusetzen mit dem Verlust der Angst vor dem Tod. Das Sterben wird begriffen als ein Wandel des Lebens in ein neues Leben, als ein Dahingleiten von Sinn zu Sinn, Ordnung zu Ordnung. Alles erscheint miteinander verbunden, und somit wird die eigene Existenz sterblich und unsterblich zugleich.

Die Verinnerlichung einer solchen Auffassung führt zu persönlicher Freiheit, da sie erlaubt, das zu tun, was einem selbst als sinnvoll und beglückend erscheint. Es ist unerheblich, ob der Sinn des Lebens eines einzelnen Menschen nur ein verzerrtes Abbild oder ein Modell einer mit dem Alltagsbewusstsein nicht zu erfassenden objektiven Realität ist. Wichtig ist lediglich, dass die Akzeptanz einer alles umfassenden Ordnung oder der Glaube daran zu einer Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben führt. Die Haltung, über das eigene Denken und Handeln selbst zu entscheiden bedeutet Freiheit, aber mehr noch, sie ist die Voraussetzung, auch die Freiheit der anderen anzuerkennen. Die Synthese aus persönlichen Interessen, Wünschen und Bedürfnissen und den Ansprüchen der Gemeinschaft, in welcher der Einzelne lebt, wird geboren. Und ist diese Gemeinschaft nicht immer das ganze Universum? Sind wir damit beim Ziel aller Religionen in ihrem ursprünglichen Wortsinn – bei der Wiederverbindung des scheinbar abgetrennten Individuums mit dem Kosmos, dem Göttlichen, der Masse aller Teilchen?

Warum stelle ich diese Thesen auf, wieso stelle ich rhetorische Fragen?

Weil ich mich seit langem frage, welche sinnvollen Gründe es dafür geben könnte, eine Wiederbelebung unseres europäischen schamanischen Erbes anzustreben und in welchem Rahmen diese Wiederbelebung praktisch umgesetzt werden sollte. Könnte es sein, dass schamanische Praktiken hilfreich sein könnten, eine allumfassende Ordnung zu entdecken und Sinn in der eigenen Existenz zu entdecken?

Nun gibt es viele Wege, nach Sinn zu suchen, auch viele zeitgenössische Wege, bspw. die Logotherapie, und natürlich gibt es außerdem tagtäglich Angebote alter und neuer Religionen und spiritueller Traditionen. Wieso gerade Schamanismus? Und wieso ausgerechnet Schamanismus mit europäischen Wurzeln? Und wozu bedarf es eines Rahmens, etwaiger Regeln für die Praxis von „europäischem“ Schamanismus?

Ich stelle Behauptungen auf, die von der These ausgehen, es gibt Ordnung im Universum und einen Sinn im Dasein jedes einzelnen Lebewesens. Dies‘ ist nicht der Rahmen, um diese Behauptung zu beweisen.  Unzählige Philosophen und Theologen haben sich dieser Herausforderung gewidmet. Viele Mystiker meinen, einen solchen Beweis könne unser Verstand nicht erfassen, lediglich mit unserem ganzen Dasein, mit Verstand, Vernunft und Geist, unter Aufgabe der Identifikation mit unserem Ich, wäre es möglich, die Ordnung des Universums zu erfahren und den Sinn des eigenen Selbst in diesem Kosmos zu begreifen. Ich will an dieser Stelle diese Behauptung auch nicht beweisen! Ist es nicht eher eine Frage des Glaubens? Und selbst wenn jemand eine Einheitserfahrung erlebt hat, in der mystischen Schau sein Selbst erkannt hat, kann er dann davon berichten in den Unzulänglichkeiten welcher Sprache auch immer? Vielleicht ist nur eines allen Wesen gemeinsam, die den Zusammenhalt des Universums und ihre Rolle darin gezeigt bekommen, erspürt, gesehen haben?  Vertrauen in die Weisheit des Lebens, Zuversicht im Alltag, Freude am Dasein und Achtung vor allem, was geschieht. Das ist ein hehrer Anspruch, viel zu groß für die meisten Menschen, denn Menschen sind fehlerhaft. Doch erkennen wir jene, die der Ordnung vertrauen daran, dass sie sogar die Fehler lieben oder dies zumindest immer wieder versuchen und darin nicht aufgeben.

Sind solche Menschen Schamanen? Oder sind sie auf einem schamanischen Weg? Das Wesen des Schamanismus, ob nun in Europa oder anderswo, ist gekennzeichnet durch die Überzeugung, dass alles, was das Universum hervorbringt oder hervorgebracht hat, eine Seele hat. Diese Überzeugung nicht nur zu verstehen, sondern auch zu erfahren gehört zur Einweihung eines schamanisch Arbeitenden. Zumindest sollte es das, und traditionelle Schamanen legen großen Wert darauf, dass ihre Schüler „hinter die Welt“ schauen, dass sie sehen, welche Geister in jenen Hüllen der Lebewesen und Objekte leben, die uns unser Alltagsbewusstsein zeigt. Der Schamane oder ein Schüler auf dem schamanischen Weg sieht Sinnzusammenhänge, Verbindungen zwischen scheinbar Getrenntem. Obendrein sehen sie etwas, was aus der Perspektive eines Materialisten gar nicht da ist, ja nicht einmal da sein kann. Diese Gabe, einmal entwickelt, kann Segen und Fluch sein. Wie groß ist die Versuchung, das was man sehen möchte als bereits gesehen zu behaupten, wer ist integer genug, nur das wiederzugeben, was er geschaut hat, nicht das, was noch dazu interpretiert wurde? Kann ein Mensch das überhaupt trennen? Und können und wollen diejenigen, die (sogenannte) Schamanen um Heilung ersuchen, dass diese immer nur die Sicht der Geistwelt wiedergeben? Wo sind die Grenzen zwischen schamanischen Praktiken, Coaching, Psychotherapie und so weiter und so fort?

Meiner Ansicht sollten wir damit beginnen, uns folgendes zu fragen. Was kann Schamanismus leisten im Abendland und was nicht? Wo taugt Schamanismus, wo haben wir bessere Modelle, Methoden, Weltbilder? Ist der Begriff Schamanismus angemessen für unser derzeitiges „europäisches“ Sammelsurium von Trancetechniken und Handauflegerei? Wie begründen wir, dass Schamanismus in unsere Gesellschaft gehört? Und nicht zuletzt – wie sichern wir, dass Schamanismus wirklich nützt?

Gegenwärtig arbeite ich in einer Gruppe des Schamanischen Netzwerkes Europa mit, die sich zum Ziel gestellt hat, Qualitätskriterien für die Anwenung sogenannter schamanistischer Praktiken zu entwickeln, nach denen man sich dann freiwillig richten kann, im Sinne der Klienten. Ich lade dazu ein, sich über dieen Blog daran zu beteiligen. Infos über das Netzwerk gibt es unter hier.

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