Märchen und Initiation

28.05.2010 19:00 von Sebastian Lau (Kommentare: 3)

Märchen und Initiation

Was können uns Märchen in der heutigen Zeit über den Übergang von der Jugend zum Erwachsenen lehren?

Mir liegt die Einweihung von Jugendlichen in ein weitgehend selbstbestimmtes und achtsames Erwachsenendasein besonders am Herzen. Als Mann habe ich dabei naturgemäß den Jungen mehr zu geben als Mädchen. Immer wieder erzähle ich daher Männermärchen. Symbole und  Archetypen, welche sich in den Motiven der „ollen Kamellen“ widerspiegeln, zeigen allgemeingültige Aspekte, die es bei der Gestaltung der Übergänge von einem Lebensabschnitt zum nächsten zu beachten gilt.  Viele Märchen haben ihren Ursprung in schamanischen Geschichten und den Mythen unserer Vorfahren im animistischem Europa. Sie enthalten die verdichtete Weisheit unzähliger Generationen. Studiert man Chroniken und Berichte von Geschichtsschreibern sowie die Ergebnisse von Literaturforschern finden sich zahlreiche Hinweise auf Riten unserer Ahnen, die gelungene Einweihungen in neue gesellschaftliche Positionen zum Ziel hatten. Eine weitere Quelle, um zu erfahren wie Geschichten und Einweihungszeremonien miteinander verknüpft waren, ist die Feldforschung in Kulturen, die noch immer Pubertätsriten und Männerweihen durchführen, bspw. in Afrika, Nordamerika oder Polynesien.

Widmen wir uns also den Märchen der Welt und vor allem unseren europäischen Volkserzählungen, finden wir Schlüssel zu einer zeitgemäßen Gestaltung von Übergangszeremonien. Soll ein Ritus Kraft und Bewusstheit vermitteln und Orientierung für das weitere Leben, sind meiner Ansicht nach mindestens folgende Kriterien zu beachten.

-          Askese

Der freiwillige Verzicht auf üblicherweise zur Verfügung Stehendes schärft die Sinne, hilft bei Fokussierung, Konzentration und fördert ein Heraustreten aus der Alltagsrealität hinein in eine Erfahrung, womöglich eine Vision, die im weiteren Leben abgerufen und wieder erlebt werden kann, somit als Kraftquelle und Wegweiser jederzeit zur Verfügung steht. Die Askese kann bspw. aus Fasten, tagelangem Wachen, Einsamkeit oder gar einer Kombination dieser Erfahrungen bestehen.

 -          Gebet

Während eines Übergangsrituals hat der Initiand die Möglichkeit im Gebet für alle bisher empfangenen Gaben zu danken und um kommende zu bitten. Fragen können gestellt werden, an reale Personen oder an Glaubensinstanzen. Dazu können Symbole und selbstgefertigte Objekte dienen. Das Gebet kann Ziele und Sinn für das weitere Leben vermitteln.

 -          Vorbereitung, Schwellenwelt, Nachbereitung

Ein Übergangsritual ist eingebunden in eine Zeit der Vorbereitung, des Fragenstellens, Loslassen Übens und Dankens sowie in eine Phase der Integration, des Neubeginnens und Änderns. Letzteres ist immer mit einem Zuwachs an Selbstverantwortung und Autonomie verbunden. Die drei Phasen sollten insgesamt wenigstens ein Jahr, besser zwei, betragen und bedürfen der Begleitung durch erfahrene, unabhängige Mentoren. Idealerweise ist Initiation in eine Gemeinschaft eingebunden, welche den Initianden trägt und unterstützt.

 -          Wurzeln

Was kann ich von meinen Ahnen lernen, welche Kräfte liefern sie mir für mein künftiges Leben? Diese Frage kann eine Sinnfindung beflügeln und bewusst machen, wie sehr ein junger Mensch in die Vitalität und Schönheit des Kosmos eingebunden ist.

 -          Ziele

Wer bin ich, wer will ich sein, was will ich tun? Ein Mann Mitte 30 sagte einmal zu mir: „Wie sehr muss es schmerzen, wenn Du mit 35 eines Morgens aufwachst und erkennst: „Eigentlich wollte ich Pianist werden. Aber bis jetzt habe ich immer nur das gemacht, was andere wollten.““ Je früher unsere Kinder beginnen ihren eigenen Herzensweg zu gehen, desto eher werden sie zu reifen, lebensfördernden und achtsamen Persönlichkeiten.

Wenn wir uns aufmachen wollen, die Einweihung unserer Kinder in ein gelingendes Erwachsenensein zu gestalten, sollten wir bereit sein, neue Wege zu gehen. Die Riten exotischer Kulturen einfach zu kopieren oder zu adaptieren ist halbherzig, wenn wir den Themen Wurzeln, Ahnen und Orientierung in unserer Gesellschaft wirklich Rechnung tragen möchten. Unsere Vorfahren in Europa dagegen haben uns nur wenig darüber hinterlassen, wie genau sie Übergänge gestalteten. Und die einstige Wildnis Europas bietet heute in weiten Teilen den Anblick einer gleichgeschalteten Kulturlandschaft, die unberührte Natur fristet lediglich ein Nischendasein. Riten aber sind immer auch mit spirituellen Wegen verbunden, unterliegen sie irgendeiner Beliebigkeit verlieren sie ihre Wirksamkeit und verkommen im schlimmsten Fall zu egozentrischen Schauspielen mit Gefahren für die Psyche, im besten Fall zu Unterhaltung und Zerstreuung.

Wie also sind zeitgemäße Übergangsriten durchzuführen? Dabei können uns meiner Ansicht nach vor allem zwei Ansätze helfen. Erstens: Wir bilden Gemeinschaften, die sich dieser Aufgabe stellen und gemeinsam mit den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen Übergangsriten gestalten – individuell und mit dem Wissen um existierende Wege. Zweitens: Wir berücksichtigen bei der Gestaltung der Übergangsriten das in Geschichten bewahrte Wissen.

In Märchen, Mythen und auch in vielen Sagen haben uns die Barden und Skalden, Galdr-Zauberer, Hagedisen und Töwersche ihr Wissen um die Schwellenwelt hinterlassen. Sind wir offen und erforschen die inneren Welten alter Geschichten, nicht zuletzt auch in der nichtalltäglichen Realität, werden wir fündig bei unserer Suche nach lebendiger Initiation. Betrachten wir die Heldinnen und Helden der alten Volkserzählungen, so können wir lernen aus ihren Motiven und Handlungen, ihren Fehlern, ihrem Scheitern und aus ihren Wegen zum Glück. So kann es uns gelingen, Einweihung in das Erwachsenendasein so zu gestalten, dass aus Kindern naturverbundende, achtsame und lebensfördernde Menschen mit eigenen Zielen werden, die sich ihrer Einzigartigkeit bewusst sind. Eben Liebende, die noch nicht gestorben sind.

 

 

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Kommentar von mark hellgoth | 07.10.2010

ho mann,
das ist schön, dass es dich gibt*;O)

eines meiner lieblings märchen, ist das märchen vom feuervogel. passt ganz gut zu weg-gabelungen, ent-scheidungen, wende-marken.
alles liebe
mark

Kommentar von Sebastian | 07.10.2010

Vielen Dank für den herzlichen Gruß. Auch ich mag das Märchen vom Feuervogel sehr, am liebsten in einer Variante, die aus der Ukraine überliefert ist.

Kommentar von nicole hertel | 16.05.2011

feuervogel,schwanengesänge,rabenglück
und seejungfrauen....ach,es gibt so wunderschöne märchen,geschichten und mythen....