Die ungehorsamen Riesentöchter

13.04.2012 12:58 von Sebastian Lau (Kommentare: 4)

Eine pommersche Legende - neu erzählt

Die ungehorsamen Riesentöchter

Eine Legende über den Ursprung unserer Jahreszeiten und die besonderen Gaben von Frühling, Sommer, Herbst und Winter

 

Inmitten der weiten Ostsee lebte einst ein Riese auf einer Insel. Er hatte vier Töchter, die allesamt ungehorsam waren und gern Schabernack trieben – so wie Töchter eben sind. Die vier Schwestern ärgerten besonders gern die Fischer. Im trüben Wasser  verborgen, tauchten sie von unten an die hölzernen Kähne der Netze auslegenden Männer heran, um diese dann zum Schaukeln zu bringen – und oft auch zum Kentern. So manch Fischer fiel in die kalten Fluten und verlor auf diese Weise sein Leben.

Der Vater schalt seine Töchter für ihr bösartiges Treiben, aber diese gehorchten ihm nicht. So drohte der Riese eines Tages, er werde die vier allesamt hart bestrafen, werde sie verwandeln und verbannen, sollten sie weiterhin die
Fischer in Not bringen. Bald darauf aber musste der Riese, der im Grunde gütig und sanft war, ein weiteres Mal vernehmen, dass ein Fischer ertrunken war, ins Meer gestürzt von seinen Töchtern. Da wurde der Hüne zornig und
verfluchte seine Töchter. Fortan sollten sie nur mehr ein Viertel des Jahres auf Erden weilen dürfen, die übrige Zeit aber in der Welt hinter dem Himmel, eingehüllt von Düsterwolken, fern jeden Lebens ihr Dasein fristen.

So verwandelte er seine jüngste Tochter in den warmen Frühlingswind, derart sollte sie zu Beginn eines jeden Jahres den Menschen Dienst und Sühne leisten. Von nun an, so meinte der Riese, würde der Frühlingswind neues Gedeihen in die Welt tragen. Die drittgeborene Tochter erhielt vom Riesen die Gestalt des Sommerregens, um die Pflanzen und Tiere zu nässen und den Durst aller Lebewesen zu stillen zu jener Zeit, da die Sonne besonders heiß brennt. Als Herbstwind brauste alsbald die zweite Tochter des Riesen durch Wiesen und Gärten, um das reife Obst von den Bäumen zu schütteln, auf dass es fleißigen Sammlern zur Nahrung gereiche. Und seine älteste Tochter schließlich verwandelte Vater Riese in den Schnee, damit die Erde sich bedecken kann zur Winterszeit, um sich auszuruhen und neue Kraft zu schöpfen.

Bald aber dauerte es den Vater, seine Töchter nicht mehr um sich zu haben, sie ihrer lieblichen Gestalt und sich selbst dem Anblick vierer junger, strahlend schöner Antlitze beraubt zu haben. Doch wollte er nicht von seiner Strafe abweichen und quälte sich nunmehr selbst. Die Einsamkeit stahl ihm seine Sinne und ließ ihn stetig wachen. Wut und Hader mit sich selbst befielen den Hünen. Bei Vollmond pflügte er mit seinen mächtigen Händen die Ostsee, auf der sich die Silberkugel vom Himmel spiegelte. Dies‘ Spiegelbild des Mondes zerschlug der Riese mit lautem Gebrüll, einem Donnern von tausend Gewittern gleich. So sandte er Sturm auf Sturm und Woge auf Woge aus, die Schiffe zerschmetterten, Länder überfluteten und Häfen zum Bersten brachten.

Niemand wagte es mehr, die See zu befahren. Es wurde finster über der Ostsee. Nun aber, in einer Neumondnacht, kam eine der turmhohen Wellen, die er in seiner Tobsucht erschaffen hatte, zum Riesen zurück, gewandelt in einen Traum. Kaum hatte die Traumwelle das Gestade der Insel erreicht, schwebte sie als süßer Duft über die Insel hinweg, in die Burg des gramen Vaters hinein und umwehte ihn dort, bis er in einen tiefen Schlaf sank. Im Dämmern vernahm er eine Stimme, die ihm auftrug, seinen Töchtern von Zeit zu Zeit ihre wahre Erscheinung zurück zu geben und mit beglückenden Aufgaben zu versehen. Als der Riese erwachte, fand er neben seinem Bett vier Geschenke, die ihm der Traum gleichsam vorausgesagt hatte. Da lagen eine Haselnussgerte, fein umwickelt mit goldenem Zwirn, ein irdener Krug mit zwei Henkeln von Kristall und einem kristallenem Boden, ein Weidenkorb, in den hinein Ranken aus feinster Seide gewoben waren und eine Kerze, die fortwährend brannte und doch nicht an Größe und Leuchtkraft verlor, ja,
niemals verlieren würde.

Inzwischen war die Zeit im Jahr erreicht, in der Sonne und Mond sich aufs Neue vermählen und die Tage und Nächte unter sich aufteilen. Es war Frühjahrstag- und Nachtgleiche. Der Riese stieg auf den höchsten Felsen jener Insel in der Ostsee und murmelte geheime Verse, die nur er kannte. Ein warmer Frühlingswind wehte herbei und plötzlich stand seine jüngste Tochter vor ihm, schön wie eh und jäh. Vater Riese reichte ihr die mit dem Goldfaden verzierte Haselnussgerte und sprach: „Fortan mögest Du in einem jeden Jahr zur Frühjahrstag-und Nachtgleiche Deine wahre Gestalt annehmen und für sieben Tage und Nächte über die Erde wandeln. Über Brachen wirst Du schreiten, Wiesen, Felder und Wälder besuchen, karges Gestein, Strände und Wüsten, Gärten und Dickichte mit Deiner Schönheit erhellen. Diese Gerte wird Dein Zauberstab sein. Die Erde wirst Du streicheln mit dem Stab, auf dass neunerlei Kräuter sprießen von besonderer Kraft, den Menschen zum Segen und zur Heilung.“


Seit diesem Tag gibt es die Kräuter der Neunersuppe, welche die Menschen von alters her am Gründonnerstag verzehren, nachdem sie vorher gemeinsam die besonderen Stängel und Blüten gesammelt haben, dabei fröhlich schwatzend und singend. Diese Kräuter sind die Gundelrebe, der Giersch, die Brennnessel und das Scharbockskraut, die Vogelmiere und das Gänseblümchen, die Brunnenkresse, der Löwenzahn und die Schafgarbe.

Der Riese aber rief nach und nach - zur Sommersonnenwende, zur Herbsttag- und Nachtgleiche und zur Wintersonnenwende - auch seine anderen Töchter zu sich. Eine jede erhielt eine der Gaben aus seinem Traum und einen Auftrag zur Freude und Genesung der Menschen. Seitdem weilen die Töchter nicht mehr nur als Frühlingswind, Sommerregen, Herbststurm und Schnee auf Erden sondern ab und an auch in ihrer Riesengestalt, strahlend schön und geheimnisvoll.

Wollt Ihr wissen, was die drei älteren Töchter für Aufgaben erhielten und wie sie mit Krug, Korb und Kerze zaubern? Dann geduldet Euch noch ein wenig. Das erzähl‘ ich Euch ein andermal …


Sebastian Lau, im Frühjahr 2012

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Kommentar von Eduard | 13.04.2012

Hallo Sebastian, wirst Du dieses Märchen beim Rügener Märchensommer vortragen? LG Eduard aus der Alten Strandvogtei Bornholm / Ferienwohnungen am Meer

Kommentar von Hansi | 13.04.2012

ach so ist das. Wenn du jetzt noch die neun Kräuter aufzähltest, hättest du deinen Bildungsauftrag auch noch erfüllt.
Ich habs mit Lust gelesen. Danke.

Kommentar von Sebastian | 14.04.2012

Hallo Eduard,beim Rügener Märchensommer wird es um die zweitjüngste Tochter des Riesen gehen. Liebe Grüße nach Bornholm

Kommentar von Sebastian | 14.04.2012

Hallo Hansi, Du hast völlig recht - die neun Kräuter füge ich noch hinzu. Sonst werden sie ja immer gleich während der Exkursionen gesammelt, gekostet und anschließend verkocht. Bis bald! Basti Blau