Zauberinnen und Geisterseher auf Rügen

15.02.2011 09:33 von Sebastian Lau (Kommentare: 1)

Aus der Glaubenswelt der alten Rüganer ...

Noch bis in das 19. Jahrhundert hinein waren auf Rügen die Spökenkieker und Melktöwerschen geachtet und oft auch gefürchtet. Die Spökenkieker – Geisterseher – heilten Krankheiten oder sagten Ereignisse der Zukunft vorher, die Melktöwerschen – Milchzauberinnen – kümmerten sich um Vieh und wussten Rat in allen Frauendingen. Da gab es aber die witten – die weißen – und die schwatten – die schwarzen – Melktöwerschen. Die einen taten Gutes, die anderen verhexten gern Kühe und Volk, doch waren sie nicht immer leicht voneinander zu unterscheiden oder gar überhaupt zu erkennen.

Im Handwerkerdorf Gingst auf Rügen lebte einst eine Webersfrau Wand an Wand mit ihren Kühen, von der sie eine besonders mochte, weil sie der ganzen Familie immer reichlich Milch spendete. Doch eines Tages, da die Frau ihre Kuh melken wollte, fand sie das Euter und ihr geliebtes Vieh seltsam ausgemergelt und schwach geworden über Nacht. Trotz guten Futters und vieler guter Worte erholte sich die Kuh nicht und gab auch keine Milch mehr, obwohl sie doch des Abends hin immer recht gesund und munter wirkte. Da ging die Frau zu einer witten Melktöwerschen. Nachdem diese die Kuh betrachtet, meinte sie das Werk einer ihrer schwatten Schwestern zu erkennen. Jedoch gab sie zu, den Kräften dieser anderen Milchzauberin nicht gewachsen zu sein. Da holte die Weberin Rat ein beim Schmied des Dorfes, von dem alle wussten, dass er auch plüstern und spöken konnte, also ein rechter Spökenkieker war. Der untersuchte nun Stall und Stuben ganz genau. Im Koben der Kuh, auf der Höhe des Euters gelegen, fand er einen Nagel in der Wand, einen Zölligen, deren Kopf zur Kuh zeigte, das spitze Ende aber fand er außen an der Hauswand. Nun tat er einen Zauber, indem er etwas von der Asche seines Schmiedefeuers verstreute und versprach, um Mitternacht zurück zu kehren, um die Sache aus der Welt zu schaffen. Tatsächlich klopfte er kurz vor Zwölf bei der Handwerksfrau, und sie gingen an die Stelle, wo der Nagel aus der Wand ragte. Wie erschrak da die Frau, als sie ihre Nachbarin, ein hässliches Weib, mit einem Schlauch im Munde erblickte, durch welchen sie der Kuh das Euter leertrank. Im Inneren des Stalles aber war noch immer nur der Nagel zu sehen. Die schwatte Melktöwersche, eine solche war sie, konnte sich nicht rühren, denn der Spökenkieker hielt sie in einem Bannkreis gefangen. Der Schmied zog nun, während die Hässliche noch trank, den Nagel mit einer Zange aus der Wand. Von diesem Augenblick an hatte die Nachbarin alle ihre Zauberkräfte verloren und wurde mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt. Die Kuh aber gab nun wieder Milch wie in früheren Tagen.

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Kommentar von nicole hertel | 18.05.2011

schöne geschichte, hab ich auch schon ein bild zu! liebe grüsse, nicole