Frag doch mal Gevatter Tod

16.03.2012 08:42 von Sebastian Lau (Kommentare: 1)

Märchen erzählen in der Trauer und Sterbebegleitung

Der folgende Text ist einem Vortrag entnommen, den ich anlässlich des Fachtages für Hospiz- und Palliativmedizin 2011 in Stralsund gehalten habe. Wer mich schon kennt, kann die Einführung einfach überlesen und gleich zum Inhalt des Vortrages kommen.

 

Was Märchen uns über das Leben lehren

 1. Vorstellung und Dank

Meine Damen und Herren, bitte gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Ich bin Sebastian Lau, Geschichtenerzähler
von der Insel Rügen. Mein Beruf ist ein uralter, vielleicht ist er so alt wie die Menschheit selbst, und doch gehöre ich heute einer seltenen Gattung an. Ich gehe zu den unterschiedlichsten Menschen, um ihnen Geschichten zu
erzählen.  Mein Publikum finde ich in allen Altersgruppen von Kleinkindern bis hin zu alten Menschen. Ich erzähle in
Kindergärten ebenso wie in Altersheimen, auf Geburtstagen, Hochzeiten und Bestattungen. Gerade erst Erblühende hören mir zu, Menschen in der Mitte des Lebens sowie Sterbende und Trauernde. Mein Repertoire besteht aus Märchen, Mythen, Sagen, Schwänken, aus Parabeln und Fabeln ebenso wie aus selbst ersonnenen Geschichten. Ich erzähle meist frei, ohne Kostüm oder Requisiten. Glauben Sie mir, ich bin froh, im 21. Jh. Zu leben.

Diesen Beruf übe ich jetzt seit fast acht Jahren aus. Vorher war ich im Bankwesen tätig, in verschiedenen
Managementfunktionen und in der Werbung. Märchen haben mein Leben verändert, ich sage heute, sie lehrten mich, und sie lehren mich noch immer, was es bedeutet wahrhaftig zu leben. Durch die Begegnung ist mir selbst klar geworden, wie sehr mir intakte Familien und der fürsorgliche Umgang mit Kindern am Herzen liegen. Das führte dazu, dass ich nach Jahren als Kaufmann, noch einmal ganz neu zu lernen begann. Seit zwei Jahren wirke ich neben meiner Aufgabe als Erzähler auch als Systemischer Familientherapeut.

Bevor ich mit meinem Vortrag beginne, möchte ich den Organisatoren dieser Tagung danken, dass sie mir die Möglichkeit einräumen, an dieser Stelle über meine Erfahrungen mit Märchen zu berichten. Ich gestehe, dass ich kaum etwas von Palliativmedizin verstehe. Und ich habe wahrscheinlich, allein aufgrund meines Alters, bisher weniger Menschen sterben gesehen, als die meisten Anwesenden hier. Umso mehr fühle ich mich geehrt, Ihnen ein wenig nahebringen zu dürfen, wie wundervoll Märchen sein können – für unser alltägliches Leben.

Ich spreche im Folgenden häufig von Erzählern oder Helden. Ich meine damit die Männer unter den Erzählern und
Helden ebenso wie die Frauen.

Das Anliegen meines Vortrages ist ganz einfach. Wenn sie nachher in die Mittagspause gehen und sagen: „Wir sollten
bei uns auch mal Märchen erzählen.“ dann habe ich ein bisschen was erreicht. Und wenn sie sich dann aufmachen, tatsächlich zu erzählen oder erzählen zu lassen – im Hospiz, in der Klinik, im Pflegeheim, zu Hause, wo auch immer, dann war die kommende Dreiviertelstunde von meiner Seite aus überaus gewinnbringend investiert. Im Übrigen bin ich sicher, dass viele von Ihnen bereits den Entschluss gefasst haben, zu erzählen, dass viele sogar schon längst dabei
sind. Diesen unter ihnen möchte ich Anregungen geben, welche Dimensionen das Erzählen von Märchen eröffnen kann und wie sie es anstellen können, dass sie in die Herzen und Seelen ihrer Zuhörer vordringen.

Märchen erzählen ist überall ein Gewinn, ob nun für Kinder, die sprechen lernen oder für Erwachsenen, denen es
die Sprache verschlagen hat.

Wovon spreche ich – Was meine ich mit Märchen?

Sie alle kennen Märchen. Sie waren Bestandteil unser aller Sozialisation. Sie sind ein elementarer Bestandteil
aller europäischen Kulturen. Und doch werden Märchen häufig darauf reduziert, Geschichten zu sein, die man Kindern zum Einschlafen erzählt. Nun, meine Mutter sagte immer: „Kindern erzählt man Märchen, damit sie einschlafen, Erwachsenen erzählt man Märchen, damit sie aufwachen."

Wenn ich hier und heute von Märchen spreche, dann meine ich ganz bestimmte Geschichten.

Ich rede von Volksmärchen, Erzählungen aus dem Volke, die keinen einzelnen Autoren zugeschrieben werden
können. Es sind Erzählungen, deren Ursprünge sehr alt sind, teilweise gehen sie bis weit in vorchristliche Epochen zurück. Die Literaturwissenschaftler streiten sich gern darum, wann Märchen wie Rotkäppchen oder Die sieben Raben
ihren Anfang genommen haben. Fest steht wohl. Volksmärchen sind über Hunderte von Jahren immer wieder mündlich weitergegeben worden. Wenn das geschieht, lässt sich einiges kaum vermeiden. Manche Erzähler vergessen etwas. Der
pommersche Märchensammler Alfred Haas z.B. hat viele seiner Märchen in Kneipen gesammelt. Da kann es schon mal vorkommen, dass zu vorgerückter Stunde ein Kleid nicht gewechselt wird oder ein Pferd plötzlich eine andere Farbe hat, als noch in der Rede des Vorgängers. Oder – die Geschmäcker sind ja schließlich verschieden – einem Erzähler gefällt eine andere Wendung, ein neues Motiv oder eine andere Reihenfolge besser. Oder das Publikum ist ungeduldig oder besonders anspruchsvoll und kann nicht genug bekommen. Dann gilt es auszuschmücken, hinzuzuerfinden oder auch mal etwas unter den Tisch fallen zu lassen. Hinzu kommt, dass die tradierten Erzählungen über Landes- und Kulturgrenzen wanderten, in neue religiöse Gefilde und Gesellschaftsverhältnisse Einzug hielten. Und immer wurde fleißig weitererzählt, jedes Mal ein bisschen anders. 

Auf diese Weise wurden aus den Märchen Metaphern, großartige, komplexe Metaphern, die verdichtete Menschheitserfahrung darstellen. Nicht die Ansicht eines einzelnen, sondern die Weisheit unzähliger Menschen spiegeln Märchen wieder. Da ist es keinesfalls ein Wunder, dass diese Geschichten Bilder und Figuren enthalten, die von vielen sofort verstanden werden, und zwar auf eine über viele Grenzen hinweg sehr ähnliche Weise. Denken Sie an den König, den Drachen oder auch den Gevatter Tod – die Assoziationen unterschiedlichster Menschen ähneln sich immer wieder auf verblüffende Weise. Man könnte sagen, Märchen sind Bilderrätsel, die jeder lösen kann, gleich welche Sprache er spricht – oder selbst, das ist für diejenigen unter Ihnen interessant, für die, die nicht mehr sprechen können – wegen ihrer Schwäche, ihrer Gebrechen, ihrer Krankheit. Und hinzu kommt, die Lösungen können verschieden sein und doch allesamt richtig.

Märchen bestehen aus einfachen Bildern, die uns im Innersten anrühren zu vermögen. Es gibt eine klare Trennung
von Gut und Böse, Licht und Schatten, Leben und Tod. Die Farben, die Figuren, Landschaften, Handlungen  - alles ist
deutlich gezeichnet, ohne Graustufen. Sowohl das Gute als auch das Böse ist häufig personifiziert, selbst Verstand und Glück treten als Personen auf. Soviel schon mal vorweg. Gut so. Auf diese Weise können wir uns mit Erscheinungen auseinandersetzen, die sonst abstrakt bleiben, unserer Fantasie kaum, dafür umso mehr dem zermürbendem Grübeln zugänglich sind.

Und das Wunder ist in den Märchen allgegenwärtig. Es geschehen Dinge, die unserem linearen Weltbild widersprechen. Das europäische Volksmärchen wurzelt in Kulturen, die ein zyklisches Weltbild hatten. Überhaupt ist unser Verständnis von Zeit, als etwas Unsichtbarem, das gleichmäßig dahin strömt, das vergehen kann, messbar ist und endlich, in den
Märchen nicht zu gelten. Da kehren kleine Mädchen nach drei Tagen von den Zwergen aus der Unterwelt zurück, und oben auf der Erde sind 100 Jahre vergangen. Tote stehen wieder auf, Helden wandern zehn Jahre lang in eisernen
Schuhen ohne, dass sie jemals etwas essen – es bleibt festzuhalten.

Märchen sind unlogisch, sie widersprechen unseren Naturgesetzen. Warum also sollten erwachsenen Menschen
sich damit abgeben?

Ja, was lehren sie uns denn nun, die Märchen?

Die Liste ist zu lang, als dass ich sie auch nur annähernd hier vortragen könnte. Daher habe ich mich entschlossen,
einige Lehren heraus zu greifen, die meiner Ansicht nach für die Hospiz- und Palliativarbeit von Bedeutung sind.

Eines auf jeden Fall haben Märchen mit dem Tod gemeinsam. Bei allen Erklärungsversuchen, allem Verständnis bleibt
sowohl den Märchen als auch dem Tod etwas Unerklärliches anhaften. Wir können es niemals so ganz begreifen – was das ist – der Tod. Es wohnt dem Ende etwas inne, was sich unserem Verstand entzieht. Das erschrickt uns, wir, die wir
sonst auf alles eine Antwort haben, sind mit einmal sprachlos. Unwohlsein breitet sich aus. Im Gegensatz dazu die Märchen. Auch sie sind zu verworren und mit Wundern angereichert, als dass wir sie verstehen könnten. Es ist ein
bisschen wie bei Anwälten, fragen Sie 10, und sie bekommen elf Meinungen. Tiefenpsychologen, Systemiker, Theologen, Hirnforscher, Mütter und Väter, die abends ihren Kindern Märchen vorlesen – jeder deutet die alten Geschichten anders. Und man kann noch nicht einmal die Meinung der anderen widerlegen. Allerdings gibt es einen Unterschied. Das Märchen macht keine Angst, zumindest nicht, wenn es, wie meist, gut endet. Im Gegenteil. Es erfreut die Menschen. Wo wir auf der einen Seite hilflos und verängstigt sind, angesichts der Macht des Todes, sind wir trotz aller Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten im Schwarz-Weiß-Schema des Märchens glücklich. Lassen wir also den Schrecken des Unerklärlichen mit dem Zauber des geheimnisvollen in einen Dialog treten.

Das kann dann dazu führen, dass sie wichtige Themen der Trauer- und Sterbebegleitung mit mehr Leichtigkeit und gar
Humor aus neuen Perspektiven heraus bearbeiten können.

Hinzu kommt, dass diese wichtigen Themen sehr genau jenen entsprechen, die sich auch immer wieder in den Märchen
finden. Ich möchte einige genauer betrachten.

Dazu zählt z.B. Schuld in all seinen Facetten. Versöhnung, Rache, Vergebung, die Regelung des Nachlasses, das ist
häufig Ausgangspunkt und Ende von Märchen. Wer wird neuer König? Was geschieht mit dem väterlichen Erbe? Wie werden die Bösewichte bestraft? Werden sie überhaupt bestraft?

Ein anderes Thema. Was kommt nach dem Tod? Gibt es einen Gott, oder mehrere, und darunter einen zum aussuchen? Gibt es eine Spiritualität außerhalb von personifizierten Göttern? Märchenhelden bereisen Unterwelten und Himmelreiche, um diese Fragen zu beantworten.

Oder ein häufiger Zustand. Einsamkeit oder Alleinsein? Der finstere Wald, das Eingesperrt sein im Turm, die
Wanderungen durch endlose Wüsten – die Märchenhelden sind oft ganz allein. Und manch einer fühlt sich am Ende seines Lebens hilflos und verlassen, obwohl doch ständig Pfleger, Schwestern, Ärzte um einen herum wuseln. Ebenso ergeht es Kranken, die sich unverstanden fühlen, die auf einen Lichtblick in der Finsternis hoffen. Wie schaffen es die Märchenhelden aus dem Wald oder aus ihrem Turm. Wann fühlen sie sich einsam und wann fühlen sie sich allein – also mit allem eins?

Betrachten wir diese Themen durch die Märchenbrille, können wir daraus folgende Lehren ziehen.

Das Leben ist ein Wunder.

In den Märchen finden die Helden oft ihr Glück auf unerklärliche Weise. Helfer treten auf, Zaubermittel wirken, wie
aus dem Nichts erwirbt der Held genau die Fähigkeiten, die er braucht. Demgegenüber stehen wir Menschen der realen Welt, die wir mühsam lernen müssen und nicht auf Zauberei hoffen können. Aber etwas eint uns mit den Märchenhelden: Ebenso wie sie können wir nicht alles planen, die Märchenhelden versuchen es erst gar nicht. Im Märchen und im Leben gibt es unverhoffte Wendungen und es ereignen sich Dinge, die niemand vorher geahnt hat. Und gerade diese Geschehnisse sind, es die unser Leben spannend und lebenswert machen. Stellen Sie sich vor, sie wüssten mit dreizehn schon, mit wem sie alles mal befreundet sein werden, welche Länder sie einmal erblicken werden, welche
Erfolge sie erwarten. Oder sie hätten einen konkreten Maßnahmenplan für alle Missgeschicke des Lebens. Einen Plan B für alle Fälle. Und der funktioniert dann auch noch. Die Überraschungen machen das Leben aus – sie lassen die
Begegnungen, die Freunden, die wir empfinden wie Wunder erscheinen. Wer Sterbenden Märchen erzählt, schafft ein Empfinden dafür, wie schön es ist, das Wunder Leben erlebt zu haben. Er schafft Raum für Dankbarkeit gegenüber dem
Erlebten, den Begleitern im Leben – und Dankbarkeit kann eine Wurzel des inneren Friedens sein. Und wer sein Leben im Rückblick als Wunder begreift, der kann sich versöhnen, mit den verpassten Chancen, den Fehlern, den Angehörigen.

Das Leben geschieht in Zyklen

 

Ich denke an dieser Stelle ist es Zeit für eine Geschichte.


Ein Steinmetz lebte einst in einem Königreich …


Die Natur zeigt  uns täglich, dass alles einem Zyklus von Geburt, Leben, Sterben Tod und erneuter Geburt unterworfen ist. Die vier Jahreszeiten, die zwölf Monate – sie sind häufig Protagonisten in den Märchen. Viele Märchen weisen Züge von Schöpfungsmythen auf, auch in den Zaubermärchen muss der Held oftmals erst sterben, bevor er neugeboren seine Aufgabe endlich erfüllen kann, so z.B. im Märchen vom eisernen Wolf. Ein junger Mann zieht aus, um für seinen Vater einen goldenen Vogel zu fangen. Auf seiner Reise gewinnt er nicht nur den Vogel, sondern auch noch ein goldmähniges Pferd und ein goldhaarige Jungfrau. Immer hilft ihm ein eiserner Wolf. Doch der Held verstößt immer wieder gegen die Ratschläge des Wolfes. So töten ihn seine eigenen Brüder, die er auf der Heimreise mit all seinen gewonnenen Schätzen
wiedertrifft. Ein lahmer Wolf findet den Toten, berichtet dem eisernen davon, der einen jungen Gevatter aussendet, um das wasser des Lebens zu finden. Der Held wird wieder erweckt, kehrt an den Königshof zurück, erhält Vogel, Pferd
und Braut und wird neuer König. Nun wird es spannend: In einer Variante dieser Geschichte aus der Ukraine werden seine Brüder davon gejagt, in einer anderen aus Weißrussland vergibt der Bruder seinen Mördern.

Leben bedeutet Verwandlung und der Tod ist Teil dieses Wandels

Könnte es sein, dass von uns nach dem Tod etwas bleibt? Ist es möglich, dass nach dem Ende unseres körperlichen
Daseins eine andere Seinsform auf uns wartet? Diese Fragen stellen sich viele angesichts ihres eigenen Todes das erste Mal, oder sie stellen sie wieder, nachdem sie sie lange verdrängt hatten. Für manche ist die Antwort auch ganz
klar. Menschen, die sich zu einer Religion bekennen, sei es nun das Christentum, Judentum, der Islam, Buddhismus oder der Hinduismus oder auch eine Naturreligion, glauben an die Wiederauferstehung der Seele. Das heißt nicht,
dass der Tod ihres aktuellen Lebens nicht auch für sie angsterfüllend ist. Aber sie haben einen Weg gefunden, damit umzugehen. In unserer Region sind aber viele Menschen ohne jegliche religiöse Bindung aufgewachsen. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen sich von den etablierten Kirchen abwenden. Stattdessen gibt es Patchwork-Spiritualität, man bastelt sich aus allen möglichen Religionen und anderen geistigen Strömungen seine eigene Heilslehre zusammen. Oder man sucht Halt in Haushaltspsychologie und Instant-Esoterik. Manche verzichten gleich ganz darauf, sich mit den alten Menschheitsfragen bewusst auseinanderzusetzen. Wo komme ich her? Wer bin ich? Wo gehe ich hin?

Und dann am Ende des Lebens schreien diese Fragen nach Antworten. Was sagen die Märchen dazu?

In verdichteter Form zeigen sie, wie Menschen sich wandeln – von der Geburt bis zur Heirat, vom Knaben oder jungen
Mädchen bis zum, wahlweise, närrischen oder weisen Alten, zur liebevollen Großmutter oder verschrobenen Hexe. Komplexe Biografien werden auf ein paar Sätze reduziert. Und so wie die Menschen sich wandeln, wandelt sich auch die
Welt, in der sie handeln. Wo in der Realität die Eiszeit einige Jahrtausende braucht, um Europa zu formen, werden die Königreiche der Legenden im Handumdrehen von Großvater Sonne oder Großmutter Mond geformt, wie in einem
Märchen aus Japan berichtet wird.

Der Wandel ist allgegenwärtig in den Märchen. Er macht uns deutlich, dass auch wir uns wandeln müssen, dass wir uns
nicht an das Leben klammern können, so wie z.B. der Sohn eines Bauern im pommerschen Märchen vom Gevatter Tod. Da nimmt der Tod einen Bauernjungen zum Patenkind. Aus dem Knaben wird ein großer Arzt. Doch will er selbst sich dem Tod widersetzen. Er erfährt, dass sein Lebenslicht zum Entzünden eines neuen dienen wird. Sein Gevatter, der Tod, führt in ihn in das Reich Allerseelen. Im Augenblick, da er stirbt, wird er gewahr, wie sein Kerzenstummel, der sein Leben beinhaltet, verlischt, nachdem der Gevatter Tod zuvor damit eine neue Kerze angezündet hat. Seine Kerze ist nun aus, vergangen, sein Licht aber lebt in einem anderen Licht weiter. Und alle Kerzen zusammen bilden einen
Lichtschein, der weit aus dem Reich des Todes hinaus die Welt erleuchtet.

Solche Metaphern aus den Märchen können den Worten Erinnerung, Vermächtnis, aber auch dem Begriff der Seele
Kraft und Inhalt geben – auch für diejenigen, die bisher ungläubig waren. Das gilt für die Sterbenden ebenso wie für die Hinterbliebenen.

Diese Lehren aus den Märchen: Das Leben ist ein Wunder, für das es zu danken gilt. Das Leben geschieht in Zyklen.
Das Leben bedeutet Verwandlung, und der Tod ist Teil dieses Wandels. – sie eröffnen einen neuen Zugang für Menschen, die Sterbende und Trauernde begleiten. Es eröffnen sich neue Sichtweisen auf das gelebte Leben und auf das
unabänderliche Bevorstehende. Der Sterbende wird, die Trauernden werden aus der Hilflosigkeit, dem endlosen Rotieren des Verstandes in die Welt der Fantasie und des Glaubens getragen. Das Wertvollste daran ist. In diesem Prozess  bestimmt jeder selbst über seine inneren Bilder, jeder entscheidet selbst, welche Motive der Märchen in welcher Weise Bedeutung erhalten. Das bedeutet Selbstbestimmung jenseits von Erklärungen und religiösen Konstrukten. Diese Selbstbestimmung erlaubt es Menschen, ihr eigenes Ende oder das Ende von Angehörigen, Patienten mit Würde zu erleben. Wenn der Gevatter Tod anklopft, dann will sich manch einer in die Abhängigkeit eines
Kindes flüchten, Selbstverantwortung leugnen und anderen die Entscheidung überlassen, wie alles weitergehen soll. Da gibt es dann ein litauisches Märchen, in dem der alte Bauer seinen Leuten sagt: „Dann seht ihr man zu, wie
ihr mich unter die Erde bring, was habe ich damit zu schaffen.“   Oder andere wollen bis zum Schluss Macht über die Tochter, den Sohn, den Gatten ausüben, gar über den Tod hinaus noch Versprechen erhalten. In jedem Fall
bringen Märchen die letzten Dialoge auf eine Ebene, in der Wandel das große Thema ist. Und im Bewusstsein des ewigen Wandels der Welt zeigt sich womöglich eine Eigenschaft, welche die Mutter vieler Tugenden ist – die Demut. Wer demütig ist, nicht devot, der kann vergeben, der empfängt Vergebung, der kann seinen Nachlass regeln, vor allem den geistigen, der kann sich verabschieden mit einem liebevollen Blick zurück.

Soweit zu einigen Lehren, die wir nutzen können, wenn wir beabsichtigen, mit Hilfe von Märchen Sterbe- und
Trauerbegleitung zu leisten.

Nun möchte ich noch zu zwei Fragen kommen, welche die Praxis vieler hier betreffen.

Märchen als Schmerztherapie?

Ich bin kein Mediziner, das sagte ich schon. Mich interessiert die Gehirnforschung sehr, aber mit Märchen haben sich
die Neurowissenschaftler bisher kaum befasst. Trotzdem frage ich: Können Märchen helfen, Schmerzen zu
lindern? Und ich behaupte: Ja! Sie können wohl kaum eine medikamentöse Behandlung eines schwer Krebskranken ersetzen oder alten, seit langem bettlägerigen Mannes mit allerlei Altersgebrechen, der bald 90 wird.

Aber das Erzählen von Märchen kann eine Schmerztherapie sinnvoll ergänzen. Aus folgenden Gründen. Die inneren
Bilder, die der Zuhörer malt, lenken von der Beschäftigung mit dem Leiden ab. Sie schaffen zudem angenehme Empfindungen, begründet durch die Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn. Die Neurowissenschaften haben in vielen Studien belegt, dass Probanden, die sich für sie angenehme Bilder vorstellen, sich einbilden, besser Schmerzen ertragen können. Ähnliches ist aus der Hypnoseforschung bekannt. Zahnärzte, die Hypnose einsetzen, brauchen weniger Betäubungsspritzen. Beim Erzählen von Märchen finden wir beide Umstände wieder. Es werden angenehme
Bilder beschrieben, denken sie nur an die schönen Prinzessinnen, oder wenn sie eine Frau sind, an den Prinzen auf dem weißen Pferd, der soeben die böse Hexe besiegt hat, wer auch immer für sie eine böse Hexe sein mag. Und viele Zuhörer befinden sich beim Lauschen eines Märchens in einem tranceartigen Zustand – ich selbst habe mit meinen Erzählungen schon so manchen hypnotisiert, der vorher Schwierigkeiten hatte, seinen Verstand auszuschalten und die Fantasie ein.


Zu diesen Umständen – die Kraft der Vorstellung sowie der hypnotische Zustand – kommt ein weiterer Faktor, der
womöglich mehr als manch eine Chemikalie helfen kann, Schmerzen zu lindern.

Mitgefühl, Würde, Gemeinschaft – Selbstwertgefühl, Selbstachtung und Wertschätzung

Ich spreche von Mitgefühl. Wenn Sie einem anderen Menschen ein Märchen erzählen, so ist das ein urmenschlicher
Ausdruck von Mitgefühl. Denken Sie an eine Mutter, die ihrem Kind eine Geschichte erzählt. Stellen Sie sich die Runden in den alten Spinnstuben vor Oder die alten Weisen, die ihren ausziehenden Enkeln, die gerade erwachsen
geworden sind, keine klugen Ratschläge erteilen, sondern Fabeln mit auf den Weg geben. Mitfühlend sein, einfühlsam, ein Gespür entwickeln für die Bedürfnisse, die inneren Prozesse eines Gegenübers, das bedeutet meiner Ansicht nach, zu heilen. Wer Mitgefühl empfängt, und ich spreche nicht von Mitleid, der fühlt sich anerkannt und wertgeschätzt. Wer Märchen erzählt, stärkt das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung seiner Zuhörer. Wer sich angenommen fühlt, wer zugleich selbstbestimmt die Märchen deuten darf, ist ein gleichwertiges Gegenüber. Märchen erzählen geschieht von Mensch zu Mensch, auf Augenhöhe. Es schafft eine Gemeinschaft von Vertrauten. All diese Aspekte wirken sich positiv aus, auch dahingehend, dass Schmerzen, körperlicher, psychischer und seelischer Natur, besser ertragen werden können.

Erzählen – wie, was und mit welcher Haltung

Der Erzähler als Seelsorger


Arzt und Körper, Psychologe und Verstand, Erzähler und Seele


Heilung ist heute in unserer westlichen Welt sehr spezialisiert. Alles ist aufgeteilt. Im Vordergrund steht
der Körper. Und ich bin froh, dass wir eine so weit entwickelte Medizin haben, all die Apparate und Medikamente. Doch jeder hier weiß: Das alles hält den Tod nicht auf. Die Behandlung des Körpers hat Grenzen.

Wir haben also Ärzte, die sich um den Körper kümmern. Dann haben wir andere Ärzte, die sich um die Psyche kümmern.
Die wenden sich meist an den Verstand, manchmal über den Umweg einer tiefenpsychologischen Analyse. Es ist gut, dass wir der Ergründung unseres Geistes seit der Entdeckung der Psychologie auch jenseits von Dogmen und
Machtansprüchen unsere Aufmerksamkeit widmen.

Ein dritter Aspekt verkümmert jedoch immer mehr, oder er ist ausgelagert in Kirchen oder andere spirituelle
Strömungen, wie ich sie schon erwähnte. Das ist die Sorge um die Seele. Und wenn ich mir dieses Wort genau betrachte, könnte ich mir schon Sorgen machen. Für mich meint Seelsorge aber nicht, dass man sich Sorgen um die Seele machen sollte, sondern dass man für sie sorgen sollte.

Und genau das tut ein Erzähler. Sicher können Märchen zum Ausgangspunkt psychologischer Betrachtungen werden.
Im Angesicht des Todes fehlt aber oft die Zeit dafür. Ein Erzähler, der darauf vertraut, dass seine Märchen ein wenig Heilung für die Seele seiner Zuhörer bedeutet, findet die richtigen Worte in den richtigen Märchen.

Es kommt nicht darauf an, eine Kunst aus dem Erzählen zu machen. Es ist erlaubt, sich zu versprechen oder etwas zu
vergessen. Sie können sich Eselsbrücken bauen oder auch basteln und mit Requisiten helfen. Es gibt nur eine wirkliche Schule, das Erzählen zu lernen. Schauen Sie Ihre Zuhörer mit freundlichem Blick an, wünschen Sie sich selbst,
Ihre Zuhörer zu erfreuen, und dann erzählen Sie. Sie werden schon bald ein Erzähler sein. Gönnen Sie Ihren Geschichten all, das, was sie auch woanders erzählen würden, machen Sie keinen Unterschied zwischen einem Hospiz und einem
Kindergarten. Schrecken und Betroffenheit sind ebenso erlaubt wie Humor und Erstaunen.

Wählen Sie einfache Märchen aus dem Lebensumfeld Ihrer Zuhörer. Erzählen Sie nur, was Ihnen selbst auch gefällt.  Lachen Sie gemeinsam mit Ihren Zuhöreren, und weinen Sie mit Ihnen.

Zusammenfassung und Abschluss


Das war jetzt schon fast ein Plädoyer. Ich möchte daher meine Zusammenfassung sehr kurz halten.

Die zentralen Thesen meines Vortrags waren.

       
Märchen sind Zeugnis von ewigem Wandel.

Märchen eröffnen neue Perspektiven in der Trauer- und Sterbebegleitung.

Sie helfen beim Umgang mit Schuld, Versöhnung, Loslassen, Angst, Hilflosigkeit und vielen weiteren Emotionen, die im Sterbe- und Trauerprozess auftreten.

Märchen erzählen ist ein Weg, Abschied nehmen würdevoll zu gestalten.

Märchen helfen heilen, und sie lindern Schmerzen.

Erzählen ist ein urmenschlicher Ausdruck von Mitgefühl.

Märchen führen uns zur Demut, somit zur Dankbarkeit und zur Gelassenheit. Wer möchte nicht gelassen sterben. Und wer dem Tod gelassen entgegen sieht, der lebt wahrhaftig.

 

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Kommentar von ACA | 05.03.2014

* 2 und 1 = LEBEN, denn
LACHEN + LIEBEN heißt LEBEN