Märchenforschung und Erzählkultur

28.05.2010 19:15 von Sebastian Lau (Kommentare: 0)

Vor etwa 200 Jahren begann die Ära der Märchensammler. Die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein und der Russe Alexander Afanasjev zählen zu den Bekanntesten. Vor ihnen sammelten bereits Charles Perrault, Johann K.A. Musäus und andere. In fast allen europäischen und vielen anderen Ländern setzte eine rege Sammeltätigkeit ein, in Pommern beispielsweise trugen allein Ulrich Jahn, Otto Knoop und Alfred Haas weit über 2000 Erzählungen zusammen, darunter neben Regionalsagen zahlreiche Märchen. Richard Wossidlo widmete in Mecklenburg einen Großteil seiner Lebenszeit dem Sammeln von Märchen. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein dauerte das Erfassen der Volkserzählungen bei den Sinti und Roma überall in Europa.

Während immer mehr Märchen aufgeschrieben und auch veröffentlicht wurden, nahm die Zahl der Erzähler ab. Sich verändernde Lebensumstände und technische Neuerungen führten dazu, dass zunächst die professionellen Erzähler fast vollständig verschwanden und später auch im häuslichen Umfeld immer weniger erzählt wurde. Fluch und Segen zugleich – so bezeichnen manche die Arbeit der Märchensammler. Einerseits bestatteten sie die alten Geschichten in einem Buchstabengrab – andererseits bewahrten sie diese somit für die Nachwelt. Es entstand ein neuer Berufszweig unter den Literaturwissenschaftlern: der Märchenforscher. Antti Aarne und Stith Thompson schufen eine Möglichkeit, Märchen verschiedenen Gattungen zuzuordnen und mittels eines Verzeichnisses mit anderen Erzählungen gleichen Typs vergleichen zu können. Andere Forscher folgten ihnen. Einer der bedeutendsten, Max Lüthi, schuf Standardwerke über die Bedeutung von Märchen. Lange stand nun die Erforschung historischer und soziologischer Aspekte im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Die Pflege der Erzählkunst, ihre Weiterführung geriet in Vergessenheit, manche bezeichneten das Märchenerzählen gar als reaktionär und schädlich für die menschliche Psyche. In der Zeit der `68er war es für die Kindererziehung verpönt.

Vermehrt wurden in der Folgezeit die Märchen von Psychologen und Pädagogen neu entdeckt. Während C.G. Jung noch mehr im Stillen die Weisheit der Märchen für die Erforschung  menschlicher Sehnsüchte und Abgründe nutzte, begannen spätere Kollegen wie Bruno Bettelheim, Nossrat Peseschkian oder Verena Kast diese ganz offensiv für Therapie und Persönlichkeitsentwicklung zu propagieren. Heute gibt es eine Vielzahl von Deutungsansätzen und unterschiedlichste Methoden, die Kraft der Metaphern in Geschichten wirken zu lassen.

Doch trotz aller Forschung, Psychologie und Pädagogik bewahren die Volksmärchen bis heute Geheimnisse, die allein mit dem Verstand nicht fassbar sind. Kein Wunder, führen doch die Wurzeln der Erzählungen bis weit in eine Zeit zurück, da Denken und Handeln der Menschen stark von Intuition, Spiritualität und Glauben geprägt waren. Die Märchenforscher können die Herkunft mancher Motive und somit die Ausgangsszenarien vieler Märchen bis in die Zeit der Barden und Skalden – somit bis in das frühe Mittelalter zurückverfolgen. Sie entdeckten aber auch Einflüsse viel älterer Kulturen – die ägyptische Totenmythologie, die indischen Veden und buddhistische Fabeln, um nur einige zu nennen. All dies umfasst lediglich die Zeit der Schriftkulturen. Felsmalereien, archäologische Untersuchungen und die Feldforschung bei indigenen Völkern liefern zahlreiche Indizien dafür, dass bereits in der Geburtsstunde der modernen Menschheit, in der Altsteinzeit, märchenhafte Geschichten mündlich weitergegeben wurden. Noch heute ist es bei einigen sogenannten Naturvölkern üblich, bestimmte Geschichten bei Zeremonien zu erzählen. Die Berichte von schamanisch Arbeitenden über ihre Reisen in die Anderswelt klingen häufig wie fantastische Ausflüge in die Märchenwelt. Wurzeln die Märchen womöglich in derartigen Erfahrungen?

Inzwischen gehen viele Märchenforscher neue Wege. Immer mehr Märchenfreunde begreifen: Damit die Kraft der Märchen sich wahrhaftig entfalten kann, müssen sie erzählt werden. Durch die freie Rede, die wechselnde Sprache, eine andere Verknüpfung von Motiven und auch die Neuschaffung derselben werden sie zu neuem Leben erweckt. Die Klischees vom Märchenonkel mit Rauschebart oder der Märchenomi mit Schürze werden ersetzt durch eine lebendige Erzählkultur. Inzwischen gibt es viele Festivals, dazu zählen unter anderem die Berliner Märchentage,  oder „fabelhaft“ in Niederösterreich, welche zur Förderung des Erzählens beitragen. Und auch wenn es für viele noch exotisch klingt: Märchenerzähler ist heute wieder ein Beruf.

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